
Am Sonnabend, den 3. Januar 20 26 wachte ich, die dreijährige kleine Zotti aus der Dackelgruppe Raben, morgens um 6:00 Uhr auf und merkte, das wird kein normaler Tag heute!
Und woran merkte ich das?
Es gingen plötzlich der Fernseher und das Radio an! Um 6:00 Uhr morgens! Und Frauchen … schlief tief und fest neben mir.
Sie schreckte genauso hoch wie ich und griff erst mal nach der Fernbedienung für Fernseher und Radio, um beides auszuschalten.
Und dann saß sie da und dachte nach. Ich merkte ihr an, dass es ihr noch schwer fiel mit dem Denken. Sie versuchte, die Nachttischlampe anzumachen. Aber das funktionierte nicht. Sie probierte es nochmals, aber die Lampe ging wieder nicht an. Im Dunkeln tappte sie vorsichtig nach ihren Hausschuhen und dem Morgenmantel. Sie lief auf die Diele, durch ihr kleines Coachingzimmer und öffnete die Balkontür. Es war sehr kalt, ganz still und tief dunkel. Außer einer Gaslaterne in der Straße war alles dunkel.
Irgendwie muss Frauchen das beruhigt haben, denn sie kam wieder rein. Ich war gar nicht erst raus gegangen, es war mir viel zu kalt und Schnee lag obendrein auf dem ganzen Balkon. Frauchen kramte in einem großen Karton in ihrem Schlafzimmer, in der einen Hand die an ihrem Handy eingestellte Taschenlampe, mit der anderen Hand durchwühlte sie den Karton. Dann hatte sie endlich gefunden, was sie suchte: eine Lampe, die man sich um den Kopf binden konnte.

Ich merkte ihr an, dass sie damit keinerlei Erfahrung hatte, denn sie wurschtelte fluchend damit herum. Erst wickelte sie das Stirnband der Lampe um ihren Kopf, um dann festzustellen, dass sie vergessen hatte, die Lampe vorher anzustellen. Sie hatte keinen Spiegel in der Nähe, um zu schauen, wie es überhaupt aussieht und funktionieren könnte. Also wirklich, Frauchen machte keinen souveränen Eindruck!
Sie hat es dann aber doch geschafft und konnte sich besser in dem dunklen Zimmer orientieren. Mir macht das ja keine Probleme. Wenn ich nichts sehe, stell ich einfach auf riechen um. Das klappt prima. Aber das funktioniert bei ihr nicht.
Frauchen ging nun etwas frierend wieder in ihr Bett zurück und ich durfte mitkommen.
Das war natürlich großartig. Aber es war gar nicht gemütlich! Weil Frauchen immer aufgeregter wurde. Sie hatte ihr Handy in der Hand und da passiert es schon mal, dass sie sich ärgert über das, was sie liest, aber heute war’s anders. Ich stellte fest, dass sie offensichtlich keine Verbindung bekam. Es gab keine bunten Bilder oder kleine Filme, sie konnte nicht telefonieren, sie konnte keine SMS abschicken. Sie guckte ganz verzweifelt in die Welt, und dann erklärte sie mir, dass sie von der Welt abgeschnitten sei. Ich habe das nicht verstanden, denn eigentlich war es sehr gemütlich bei ihr unter der Decke. Ich wusste, dass es zu früh war, um ihr den Vorschlag nach einem Frühstück zu machen. Also lag doch jetzt nichts näher, als in Ruhe unter dieser warmen Decke weiter zu schlafen Aber daran war bei ihr nicht zu denken.
Unruhig wälzte sie sich hin und her. Es muss ihr große Sorgen gemacht haben.
Um 7:30 Uhr reichte es ihr, sie gab mir mein Frühstück und weckte Herrchen.
„Ich kann dich jetzt nicht weiter schlafen lassen. Ich muss dir was sagen.“
Herrchen guckte wie ein Maulwurf, den man mit dem Schwanz zuerst aus dem Maulwurfhügel gezerrt hat. Ich konnte das gut erkennen, weil Frauchen ja ihren Kopf auf Herrchens Bett gerichtet hatte und ihm dadurch mit dieser Lampe ins Gesicht leuchtete.
„Was ist denn los?“
„Es ist kein Strom da, in der ganzen Straße ist kein Strom. Die Heizung ist dadurch ausgefallen und das warme Wasser ist nur noch lauwarm. Es gibt kein Internet, kein Telefon. Ich kriege keine Information, was eigentlich passiert ist. Um 6 Uhr ging plötzlich der Fernseher und das Radio an und weckte Zotti und mich auf. Ich verstand erst gar nicht, wie das geschehen konnte. Aber nun ist es mir klar: Wenn der Strom ganz ausfällt und dann wiederkommt, dann passiert das schon mal mit den Elektrosachen, die auf „Stand-by“ stehen. Ich dachte erst in meinem Schrecken, irgendein Geist sei in meinem Schlafzimmer!“
Herrchen kam langsam zu sich, es war ihm klar, dass es keinen Sinn hatte, jetzt an eine heiße Tasse Kaffee zu denken…, das muss ganz bitter für ihn gewesen sein.
Er fand die ganze Situation aber leider auch nicht so bedrohlich, dass er nun endlich nach drei Jahren das erste Mal eine Ausnahme gemacht hätte und ich mit Frauchen zusammen in sein Bett hätte krabbeln können! Also zog ich mich etwas frustriert in mein kleines Körbchen neben seinem Bett zurück und schlief ein. Ich liebe es sehr, wenn sie da in dem Bett liegen, miteinander reden und Kaffee trinken. Ach ja, Kaffee gab es ja dieses Mal nicht.
Frauchen weckte mich um 8:30 Uhr, da war sie schon angezogen und knabberte an einer Brezel herum. Draußen begann es zu dämmern, und es war klar, dass wir beide uns gleich auf den Weg machen würden. Unklar war, wohin.
Es stellte sich heraus, dass wir zum Rathaus Zehlendorf fuhren und dort nach einem Leuchtturm Ausschau hielten. Es war mir gänzlich unverständlich, was sie damit meinte. Ich habe an der Küste einmal einen Leuchtturm gesehen, da sind wir spazieren gegangen und haben ihn angeschaut. Wie sie auf die Idee kam, einen solchen Leuchtturm mitten in der Stadt zu finden, ist mir schleierhaft. Erst später erfuhr ich, dass sie gehört hatte, es gäbe einen sogenannten Leuchtturm in Katastrophenzeiten, bei diesem könne man heiße Getränke, Strom für das Handy und aktuelle Nachrichten bekommen, wie es weitergeht. Leider war davon aber um 9:30 Uhr nichts zu sehen. Frauchen war sehr enttäuscht.
Sie hatte sich um 10:00 Uhr mit Frieda, meiner Freundin und deren Frauchen, Britta, an der Rodelbahn verabredet.

Da fuhren wir jetzt hin und waren um Punkt zehn da und siehe da: Frieda und Britta waren auch ganz pünktlich da, obwohl wir den Termin ja mangels Netzes gar nicht zuvor hatten bestätigen könne. Es gab ein großes Wiedersehen! Frieda und ich tobten über die Rodelbahn, es lag so viel Schnee, und es war weit und breit noch kein Schlitten zu sehen. Das fanden wir natürlich toll. Die beiden Frauchen amüsierten sich über die Berliner, die es schaffen, das schönste Rodel-Wetter zu verschlafen. Aber sie freuten sich auch über die leere Bahn und den herrlichen Spaziergang, Frieda und ich tollten wie verrückt durch den Schnee und waren vergnügt und wild.

Unsere Frauchen tauschten sich aus und Britta bot meinem Frauchen an, ihr beim nächsten Treffen heißen Tee in einer Thermoskanne und heiße Wärmflaschen mitzubringen. Darüber hat sie natürlich sehr sehr gefreut. Es muss ihr sehr wichtig sein, immer etwas Heißes trinken zu können und im Bett warme Wärmflaschen zu haben.
Frauchen telefonierte noch rasch mit ihrem Sohn und ihren Schwestern und sagte Bescheid, dass sie unerreichbar sei, und dass es ihr schwer zu schaffen mache und dass sie sehr aufgeregt sei. Alle versicherten ihr, sie würde das schon auf die Reihe kriegen, und man würde an sie denken. Da weinte Frauchen vor Freude, es muss sie wirklich sehr mitgenommen haben.
Zu Hause trafen wir auf Herrchen, der ein uraltes Transistor-Radio herausgekramt und es mit Batterien zum Laufen bekommen hatte. Er saß nun stolz wie Bolle davor und teilte uns mit, er könne Inforadio empfangen und erklärte Frauchen, was eigentlich passiert sei.

Erst hieß es, um 18:30 Uhr würde der Strom wiederkommen. Darüber war Frauchen sehr erleichtert. Diese Freude hielt aber nur kurz an, weil sie am Nachmittag erfahren musste, dass der Stromausfall vermutlich noch bis zum nächsten Donnerstag dauern würde!
Gut, dass Britta beim nächsten gemeinsamen Spaziergang mit dem heißen Tee und den heißen Wärmflaschen mitbrachte! Der Gedanke an die Wärme im und am Bauch beruhigte Frauchen.
Damit fuhren wir dann wieder nach Hause, und Frauchen war glücklich, dass sie das Auto immer auf der Straße parkte, weil sie keinen Garagenplatz in der Tiefgarage hatte. Alle Nachbarn, die dort ihr Auto hatten, konnten es nicht benutzen, weil die Tiefgarage nicht aufging. Alle regten sich vor dem verschlossenen elektrischen Tor furchtbar auf.
Leider ertrug Frauchen diese Aufgeregtheiten nicht und zog mich da weg, so dass ich den Ausgang der Geschichte nicht verfolgen konnte. Ich hielt es nicht für ausgeschlossen, dass sie sich geprügelt oder eine Schneeballschlacht gemacht haben. Da wäre ich gerne dabei gewesen!
Wieder zu Hause, wurde es langsam dunkel. Die ersten Nachbarn aus der Wohnanlage waren schon ausgeflogen und in ein Hotel gezogen. Es war ganz dunkel auf dem Grundstück und in der Straße, aber wir hatten ja Frauchens Funzel am Kopf!
Zu Hause gab es erst mal Nervennahrung in Gestalt von Konfekt, das Frauchen zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Außerdem wurde der kleine Zimmer-Kamin angemacht mit Bio Alkohol. Der heizte doch tatsächlich den kleinen Raum ein wenig, aber die Stimmung war angespannt.
Frauchen versucht, ihre Gefühle zu sortieren, aber war verzweifelt, weil sie sie mit niemandem teilen konnte.
Herrchen löste derweil die praktischen Probleme, schleppte einen fabelhaften Gaskocher aus dem Keller mit einer Kartusche und verschiedene Lampen, die Batterie betrieben viel Licht gaben.
Aber da war Frauchen schon in ihr Bett gekrochen, mit den Resten des heißen Tees und der Wärme von der Wärmflasche.
Am nächsten Morgen war klar, dass Frauchen und ich nicht in der Wohnung bleiben würden! Nicht dass es mir nicht gefallen hätte. Ich hab‘ kein Problem in der Dunkelheit und auch nicht mit der Kälte, aber davon konnte ich Frauchen leider nicht überzeugen. Sie wollte wieder in die Wärme, sie wollte Kommunikation und Verbindung, sie wollte die Dinge aus der Gefriertruhe retten, und es ginge ihr überhaupt alles furchtbar auf die Nerven!
Na und? Da hab‘ ich mich natürlich dann gleich angeschlossen. Es ist sinnlos, in solch angespannten Phasen eigene Vorschläge zu unterbreiten.
Also wurden Koffer gepackt für eine Umsiedlung an den Bayerischen Platz, wo die Freundin meines Frauchens wohnt. Es wurden Koffer gepackt, es gab eine eigene Übernachtungstasche für mich mit allen meinen Fressalien, Näpfen, Spielsachen und Körbchen. Da wurde mir klar, das wird länger dauern!
Wir hatten dann noch zwei Taschen fürs Gefriergut, und eine große Auflaufform, in der nun angetauter Fisch, Gemüse, Nüsse und Schafskäse aufgeschichtet waren. Leider war keinerlei Rankommen, Frauchen bewachte die Auflaufform mit Argusaugen!
Herrchen blieb zu Hause und bewachte die Wohnung und eigentlich die ganze Wohnanlage! Er hatte zwar keine Möglichkeit, die Polizei zu alarmieren, wenn Einbrecher kommen, aber ich hab‘ diese Möglichkeit ja schließlich auch nicht und leg mich trotzdem mit den größten Idioten im Wald an…, wenn es mir sinnvoll erscheint.
Manchmal haue ich auch einfach ab, aber echt nur ganz manchmal.
Am Bayerischen Platz kam zum Glück starke Hilfe von unserem Freund, um unseren halben Hausstand in die 4. Etage zu transportieren.
Frauchen schob den Auflauf in den Ofen, schwätzte glücklich mit ihrer Freundin, schrieb in alle Welt von unserer Rettung und ich … freundete mich mit dem kleinen Enkel der Freundin an. Er steckte mir heimlich Nudeln und Kekse zu, bis Frauchen es merkte und verbot.
Aber da hatten wir uns schon angefreundet und brauchten die Leckereien gar nicht mehr. Also wir fanden es beide prima, da zusammen .
Abends erfuhr Frauchen dann, dass bei uns der Strom wieder da sei. Ich fürchtete schon, sie wolle nun gleich wieder abreisen.
Aber da nahm sie sich ein Glas Wein, stieß mit ihren Freunden dankbar an und sie plauderten noch bis tief in den Abend.
Es war sehr schön, dass Frauchen wieder so entspannt und fröhlich war.
Am nächsten Tag fuhren wir dann mit dem halben Hausstand wieder zurück in die Wohnung. Die war noch sehr kalt, aber alle waren sehr erleichtert, dass der Schrecken ein Ende hatte.
Und Frauchen war glücklich und dankbar, dass sie soso viele hilfsbereite und liebevolle Menschen nah und fern um sich wusste.
Und ich fands sowieso toll.
Eure Zotti mit Frauchen Petra Gothe


